von Katharina Kleinen-Sigg
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Polyneuropathie nach Krebs und Krebstherapie – Wie sie entsteht und was wirklich hilft

Polyneuropathie bezeichnet eine Schädigung peripherer Nerven, die zu Sensibilitätsstörungen, Schmerzen, Kribbeln, Taubheit und in schweren Fällen auch zu motorischen Einschränkungen führen kann. Das geht von leichteren Beschwerden, wie dem Gefühl, einen Kieselstein im Schuh zu haben, bis zu brennenden Schmerzen in Händen oder Füßen. Bei Krebspatient:innen tritt sie häufig als Folge der Behandlung mit bestimmten Chemotherapeutika auf und wird dann meist als chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) bezeichnet.

Wie entsteht diese Nervenschädigung?
Die peripheren Nerven sind feine Leitungsbahnen, die Informationen zwischen dem Körper und dem zentralen Nervensystem übertragen. Viele Chemotherapien wirken nicht nur auf Tumorzellen, sondern beeinflussen auch gesunde Nervenzellen und schädigen diese direkt. Direkte schädigende Effekte haben vor allem bestimmte Wirkstoffe (z. B. Oxaliplatin, Paclitaxel, Vincristin, Bortezomib), die in aggressiven Chemotherapien verwendet werden. Sie stören die Stabilität von Mikrotubuli, welches feine Filamente sind, die über die Zellbestandteile transportiert werden (quasi die Autobahnen der Zelle),  schädigen Mitochondrien (die Kraftwerke unserer Zellen) und verändern die Funktion von Ionenkanälen in Nervenzellen. Dies führt zum Funktionsverlust sensorischer Nervenfasern.
Die Schädigung ist häufig dosisabhängig – je höher die Chemotherapie-Dosis, desto höher das Risiko einer Neuropathie. Bei einem Teil der Patient:innen entstehen Beschwerden nicht nur während der Chemotherapie, sondern verschlimmern sich sogar nach Therapieende (das nennt sich auch „coasting“).
Symptome sind meist zuerst sensorischer Natur: Kribbeln, „Ameisenlaufen“, Taubheit, Schmerzen, Temperatur- und Berührungsempfindungsstörungen (Gefühl von Kieselstein im Schuh), vor allem in Händen und Füßen. Bewegungs- und Gleichgewichtsstörungen können folgen.

Vorbeugung – was ist aktuell wissenschaftlich belegt?
Bisher gibt es keine medikamentöse Prophylaxe, die eindeutig die Entwicklung einer solchen Polyneuropathie verhindert. Dennoch werden einige unterstützende Maßnahmen diskutiert. In mehreren Studien kann die Kühlung von Händen und Füßen während der Chemotherapie die Häufigkeit und den Schweregrad der Polyneuropathie vermindern – insbesondere bei Taxan-Therapien.
Das Tragen von Kompressionshandschuhen oder -strümpfen während der Infusion zeigte in einigen Studien ebenfalls einen gewissen Schutz.
Regelmäßige körperliche Aktivität und gezieltes sensomotorisches Training können helfen, die Funktionen zu erhalten und neurologische Defizite zu reduzieren.

Behandlung etablierter Beschwerden
Ist eine Polyneuropathie bereits vorhanden, sind die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt. Die wichtigsten evidenzbasierten Ansätze umfassen medikamentöse Schmerztherapie, physikalische und therapeutische Maßnahmen. Es werden beispielsweise bestimmte Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) verwendet, da diese neben der stimmungsaufhellenden Wirkung auch die Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen können und bei nervenbedingten Schmerzen oft Erleichterung bringen. Andere Medikamente wie opioide Analgetika (morphinartige Schmerzmittel) zeigen in Studien meist keine oder nur geringe Vorteile und sind oft durch Nebenwirkungen limitiert. Physikalische und therapeutische Maßnahmen wie Physiotherapie und sensomotorisches Training kann helfen, funktionelle Einschränkungen zu lindern, Gleichgewicht und Feinmotorik zu verbessern und das Sturzrisiko zu senken. Bei Akupunktur deuten erste Analysen auf mögliche Verbesserungen hin, die Daten sind jedoch noch begrenzt. Massage- und manuelle Therapien zeigt in Meta-Analysen Vorteile bei Schmerzlinderung und Lebensqualität.

Was können Sie als Betroffener selbst tun?
Zusätzlich zu ärztlich verordneten Therapien gibt einige kleine Maßnahmen, um den Alltag zu erleichtern. Versuchen Sie aktiv zu bleiben oder zu werden, regelmäßige Bewegung und Gleichgewichtstraining bringt bei vielen Betroffenen spürbare Verbesserungen. Wichtig ist der Schutz vor Verletzungen an den betroffenen Bereichen am Körper. Durch die oft geringe oder gänzlich fehlende Rückmeldung des Körpers bei Verletzungen, Hitze oder Kälte ist das Risiko für Gewebeschädigungen oft erhöht.  Achten Sie beispielsweise im Winter auf guten Kälteschutz und testen Sie die Wassertemperatur beim Baden, Körperpflege oder Geschirrspülen.
Polyneuropathie nach einer Krebsbehandlung ist häufig, oft belastend und kann chronisch werden. Obwohl eine vollständige Prävention derzeit nicht möglich ist, zeigen aktuelle Studien, dass Ansätze wie Kühlung und Kompression während der Chemotherapiedas Risiko reduzieren können. Bei bestehenden Beschwerden ist Duloxetin das am besten belegte pharmakologische Mittel zur Schmerzlinderung. Physikalische Therapien und sensomotorische Trainingsprogramme können funktionelle Defizite verbessern und die Lebensqualität erhöhen.

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Quellen:

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  1. Unterhofer M, Antwerpes F, Nolte J. Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie: Definition und Prävalenz. DocCheck Flexikon [Internet]. 2023 [zuletzt abgerufen Jan 2026 ]. Verfügbar unter: https://flexikon.doccheck.com/de/Chemotherapie-induzierte_periphere_Neuropathie 

  1. Krebsinformationsdienst (KID), Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ). Chemotherapieinduzierte periphere Neuropathie: Empfehlungen zu Kälte, Kompression und Bewegung [Internet]. Heidelberg: DKFZ; [zuletzt abgerufen: 01/2026]. Verfügabr unter: https://www.krebsinformationsdienst.de 

  1. Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO). AGO-Leitlinien 2024: Supportive Therapie – Prävention und Intervention bei CIPN [Internet]. 2024 [zuletzt abgerufen: 01/2026]. Verfügabr unter https://www.ago-online.de 

  1. D’Souza RS, Martinez Alvarez GA, Dombovy‑Johnson M, Eller J, Abd‑Elsayed A. Evidence‑based treatment of pain in chemotherapy‑induced peripheral neuropathy. Curr Pain Headache Rep. 2023 May;27(5):99‑116. doi:10.1007/s11916‑023‑01107‑4. 

  1. Hochschulübergreifender Therapieverbund periphere Neuropathien (HiToP PNP). Periphere Neuropathien: Symptome und Therapieoptionen [Internet].  [zuletzt abgerufen: 01/2026]. Verfügabr unter Periphere Polyneuropathie - HiToP® PNP 

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