Myokarditis neu gedacht: Warum individuelle Leitlinien das Behandlungsergebnis verbessern
Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) sowie Herzbeutelentzündungen (Perikarditis) gehören zu den Erkrankungen, die oft plötzlich auftreten – oftmals nach Infekten, manchmal aber auch ohne klaren Auslöser. 2025 haben Kardiolog:innen europaweit einen wichtigen Schritt gemacht: Die neuen Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) betrachten diese beiden Erkrankungen nicht mehr getrennt, sondern als zwei Teile eines interagierenden Spektrums.¹ Das bedeutet: Die Behandlung wird genauer, moderner und vor allem besser auf jeden einzelnen Menschen individuell zugeschnitten.¹
Umfassende Diagnostik für eine zielgerichtete Therapie
Um nichts zu übersehen und eine passende Behandlung zu finden wurde entschieden, in der neuen Leitlinie einen gemeinsamen Ansatz zu entwickeln. Früher wurden die Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung als zwei unterschiedliche Erkrankungen betrachtet. Heute weiß man aber, dass sie häufig gemeinsam auftreten und ähnliche Symptome wie z. B. Brustschmerzen, Müdigkeit, Herzstolpern aufweisen. Dies bedeutet, dass viele Patient:innen beide Entzündungen gleichzeitig in sich tragen, auch wenn nicht alle Beschwerden sofort sichtbar sind.¹
Ein zentrales Element der neuen Empfehlungen ist das Herz-MRT (kardiales MRT), weil dies genau erkennt, ob und in welchem Bereich des Herzens eine Entzündung vorliegt, wie stark sie ist, und ob der Herzmuskel bereits Narben entwickelt hat. Diese Details sind wichtig, weil sie dabei helfen, die zielgerichtete Therapie zu wählen. Die Leitlinien sehen das MRT deshalb als Schlüsseluntersuchung an – viel wichtiger als früher.¹ ³
Individuell statt standardisiert
Anstelle einer Standardtherapie für alle gilt jetzt, dass die Behandlung dem genauen Entzündungstyp sowie dem Schweregrad angepasst wird. Wenn die Beschwerden eher mild sind, reicht oft eine Kombination aus entzündungshemmenden Medikamenten wie z.B. Ibuprofen, Colchicin als Rückfallprophylaxe sowie etwas Schonung. Ist der Herzmuskel deutlich mitbetroffen, kann die Therapie erweitert werden um Faktoren wie Medikamente zur Unterstützung der Herzfunktion, vorübergehenden Einschränkungen von Sport und körperlicher Belastung und regelmäßigen Kontrolluntersuchungen. Bei wiederkehrenden schweren Fällen können auch gezielte Medikamente eingesetzt werden, die das Immunsystem vorübergehend beruhigen. Die Leitlinien betonen aber, dass solche Mittel nicht automatisch, sondern ausschließlich nach genauer Abwägung eingesetzt werden sollen.¹
Dieser neue Ansatz hilft, Herzrhythmusstörungen besser einzuschätzen, Sportpausen gezielt zu steuern, Risiken wie Herzschwäche oder Rückfälle frühzeitig zu erkennen und damit eine Über- oder Unterbehandlung zu vermeiden. Kurz gesagt soll die richtige Person die richtige Behandlung zum richtigen Zeitpunkt erhalten.¹ ³
Mehr Zusammenarbeit im Behandlerteam
Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Leitlinie: Kardiolog:innen, Radiolog:innen, Rhythmolog:innen und ggf. Immunolog:innen sollen im Rahmen spezieller ,,Heart Inflammation Boards‘‘ enger zusammenarbeiten.¹ Gleichzeitig sollen digitale Hilfen wie Apps für Symptomtagebücher, Telemonitoring für Herzrhythmus, digitale Verlaufspfade und Betreuungsangebote auch nach der Akutsituation die Patient: innen Schritt für Schritt begleiten. So wird die Versorgung moderner, schneller und sicherer.²
Für Betroffene bedeutet das eine schnellere Diagnose durch moderne Bildgebung, bessere Therapieentscheidungen dank genauer Risikobewertung. Eine gezieltere Rückfallprophylaxe unterstützt zudem eine sichere Rückkehr in den Alltag und Sport. Die neuen Leitlinien sind insgesamt ein großer Schritt hin zu einer modernen, personalisierten Herzmedizin, die Menschen mit Myokarditis oder Perikarditis besser schützt und umfassender begleitet.
Quellen:
1. Deutsches Gesundheitsportal – Charité: „Individuell, innovativ und praxisnah: Neue Leitlinien zu Myokarditis und Perikarditis“ [Internet] 2025 [zitiert am 06.02.2025] Online verfügbar unter: https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/newsroom/herzerkrankungen/diagnostik/diverses/esc-congress-2025-leitlinien-imps
2. ESC‑Leitlinien‑Überblick 2025 (Editorial & Übersicht Herz, 2026) – neue und revidierte Empfehlungen inkl. Dyslipidämie‑Update, Schwangerschaft & Herz, Klappenerkrankungen, Mental Health. [Internet] 2025 [zitiert am 06.02.2026] Online verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s00059-025-05356-4
3. Springer Medizin – Herz 1/2026: Schwerpunktheft zu den ESC‑Leitlinien 2025 sowie Beiträge zu Bildgebung & klinischer Praxis. [Internet] 2026 [zitiert am 06.02.2026]. Online verfügbar unter https://www.springermedizin.de/esc-leitlinien-zu-myokarditis-und-perikarditis/51929316